Standortpolitik | Unternehmen

Mit Kreativität gegen Ignoranz

Mike Meyer ©
Künstlerin Stefanie Boltz unterstützt ihre Auftritte mit einer Lichtperformance

EINBLICKE: Wie kleine Veranstalter und Künstler versuchen, mit dem Stillstand im Kulturbetrieb zurechtzukommen.

Der Großteil der Wirtschaft leidet derzeit unter der Coronapandemie. So eklatante Umsatzeinbrüche wie die Eventbranche verzeichnen jedoch nur wenige andere Branchen. Auch Stefanie Boltz ist betroffen. Im Sommer konnte die 47-Jährige noch die Schlupflöcher „Open-Air-Konzerte“ nutzen. „Ich habe einige Konzerte vermitteln können, selbst gespielt und auch ein zwei Reisen zu Festivals gemacht.“ Die Hoffnungen für den Herbst waren danach groß, habe die Kulturbranche doch „viele tolle Konzepte entwickelt, investiert und war gerüstet, auch in einer instabilen Lage weiterzumachen“, sagt die Sängerin, die auch eine Künstleragentur in München betreibt. Ihre Hoffnungen haben sich zerschlagen: „Nun stehen wir erneut vor einer ziemlichen Perspektivlosigkeit mit der dauerhaften Ignoranz unseres Standes, unserem Wert von Seiten der Politik. Das schmerzt sehr.“

Die fehlende inhaltliche Anerkennung ist das eine, was Künstlern und Veranstaltern auf der Seele liegt. Noch schlimmer ist für die meisten, dass ihr Geschäft nahezu völlig weggebrochen ist. Christian Singer (42), im Münchner Osten zuhause, lebt derzeit vom Arbeitslosengeld, nachdem ihn sein Arbeitgeber, ein Messebaubetrieb freigestellt hat. Er nutzt die Zeit, um sich dort fit zu machen, wo er sonst mit Zwillingsbruder Markus im Nebenerwerb tätig ist: Beleuchtung und Tontechnik für Veranstaltungen. „Ich lerne und teste derzeit eine ganze Reihe von Lichtprogrammen, mit denen ich nach der Krise wieder an den Start gehen will“, berichtet er. Weiterbildung und Zusatzqualifikationen seien die besten Erträge, die sich aus dem Stillstand erwirtschaften lassen. Außerdem investiert er viel Zeit ins Netzwerken, „denn das ist die Grundlage dafür, dass man am Ball bleibt“. Es gibt aber auch die andere Seite: Jene, die sich von einem mit Leidenschaft gelebten Beruf verabschieden. Aus seinem Umfeld berichtet er über studierte Lichtdesigner und Bühnenbaumeister, die sich derzeit in der Landwirtschaft verdingen oder Solarpanele installieren.

Markus Singer, dessen Firma ELM Veranstaltungstechnik in Grafing derzeit „nichts, gar nichts“ zu tun hat, ist froh über sein zweites Standbein als IT-Spezialist. Während er seit Beginn der Pandemie eine einzige Hochzeit betreut hat, hält ihn die Digitalisierung ausreichend im Geschäft. Am meisten bedauert er, dass eine ausgeklügelte Streaminglösung für seinen Heimatverein, das Eishockeyteam des EHC Klostersee, kurz vor der Live-Premiere auf Eis gelegt wurde: Einstellung des Spielbetriebs in der Bayernliga. Ähnlich wie sein Bruder nutzt er die freien Zeitkapazitäten, um neue Ideen zu entwickeln und Planungen voranzutreiben: „In unserer Branche ist Kreativität heute viel wichtiger als Technik.“ Was ihn auch an anderer Stelle entlastet: Sein Equipment ist komplett bezahlt, „weil ich mich da vorsorglich nie zu weit aus dem Fenster gelehnt und bei jedem Trend nachgekauft habe“. Die derzeitigen Lagerkosten jedenfalls ließen sich leichter verkraften, als wenn er Kredite abbezahlen müsste.

Beim Blick in die Zukunft sieht Konzertagentin Boltz vor allem zwei Aufgaben. Einmal die Sicherung des Preisniveaus: Es dürfe kein Selbstverständnis entstehen, dass jemand für die Hälfte der Gage spielt, weil nur die Hälfte des Publikums kommen darf. Zum zweiten das Freisetzen von noch mehr Ideen: „Wir müssen gemeinsam Lösungen und Kompromisse durch diese Zeit finden. Dazu müssen alle kreativ und pionierhaft denken und vorgehen.“ Ein vielversprechender Weg ist für sie das Ausweichen auf größere Räume. Da gebe es noch viele bisher ungenutzte Objekte, bei denen es sich lohne, sie auch für die Zukunft als Spielorte zu erhalten.


Im Fokus: Veranstaltungsbranche
Laut dem Research Institute for Exhibition and Live-Communication in Berlin ist die Veranstaltungsbranche in Deutschland die sechstgrößte Wirtschaftsbranche. Hier sind etwa 1,5 Millionen Mitarbeiter beschäftigt und es werden knapp 130 Milliarden Euro direkt umgesetzt. Allein im Bereich der „wirtschaftsbezogenen Veranstaltungen“ arbeitet etwa eine Million der 1,5 Millionen Menschen. Die Veranstaltungsbranche im Gesamten liegt bei den Beschäftigtenzahlen auf Platz zwei.

IHK-Zeitung Ausgabe 04/2020

Verwandte Themen