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Gute Ausgangsposition in der Region

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Basis für wirtschaftlichen Erfolg – die Region

KONZEPTE: Die Coronakrise zeigt, dass es Unternehmen stärker und widerstandsfähiger machen kann, wenn sie ihr regionales Engagement ausbauen.

Einzelhändler kaufen regional ein, werben mit lokalen Produkten, es entstehen immer mehr regionale Unternehmensnetzwerke, manche Landstriche geben sich sogar eine lokale Parallelwährung. „Die Wirtschaft wird sich der Regionalität und ihrer Vorzüge aktuell wieder mehr bewusst, lernt sie neu zu schätzen“, betont Carla Kirmis, Handelsexpertin der IHK für München und Oberbayern. „Und das nicht nur, weil das Coronavirus die Fragilität der globalen Lieferketten offenbart hat“, ergänzt IHK-Nachhaltigkeitsfachfrau Verena Jörg. „Insbesondere auch die Nachhaltigkeitsdiskussion hat regionalen Wirtschaftskonzepten wieder mehr Relevanz gegeben.“ Dabei sei Re-gionalität kein Gegentrend zur Globalisierung, sind sich beide Expertinnen einig – zumal es in Zeiten der Digitalisierung ohnehin keine regionalen Grenzen mehr gebe. „Eine gute Verankerung in der Region ist auch für das internationale Geschäft eine wichtige Stütze.“

Was macht die Region für die Wirtschaft nun besonders attraktiv? Wer was in welcher Qualität liefert, wie Lieferanten und Kooperationspartner ticken, oder was Kunden wünschen, lässt sich im regionalen Kontext leichter feststellen – man begegnet sich häufiger, lernt sich schneller und besser kennen, als es mit Partnern und Kunden am anderen Ende der Welt möglich wäre. Das stärkt das Vertrauen und die Geschäftsbeziehungen. Die Akteure beauftragen sich wechselseitig, es bleibt mehr Wertschöpfung in der Region. Die Einkaufs- und Lieferwege sind kürzer, schneller, energiesparender, somit nachhaltiger. Zudem bietet der regionale Austausch gute Möglichkeiten, von- und miteinander zu lernen – etwa in Bezug auf mehr Nachhaltigkeit oder Digitalisierung. Nicht zuletzt haben viele regional gut vernetzte Unternehmen festgestellt, dass sie besser durch die Pandemie gekommen sind, widerstandsfähiger waren: Zusammen mit regionalen Partnern fällt es also auch leichter, alternative Wege zu finden und Krisen zu trotzen.

Seinen augenfälligsten Ausdruck findet der regionale Ansatz in lokalen Netzwerken, seien es bewährte Werbegemeinschaften oder neue Nachhaltigkeitsinitiativen, die die Institutionen vor Ort oder die Wirtschaft selbst ins Leben rufen. Da solche Netzwerke sich auch im Internet empfehlen, werden die Region und ihre Wirtschaft auch über ihre Grenzen hinaus sichtbar. Qua Gesetz fördert und vernetzt zudem die IHK mit ihren regionalen Geschäftsstellen und Regionalausschüssen die regionale Wirtschaft und vertritt deren Interessen. „Man kennt sich, vertraut sich, unterstützt sich – das sind wichtige Vorzüge regionaler Zusammenarbeit, das macht die einzelnen Unternehmen und die Region insgesamt erfolgreicher. Aber auch nachhaltiger, resilienter und federt die Globalisierung ab“, sagt Ingrid Obermeier-Osl (59). Die Unternehmerin engagiert sich als IHK-Vizepräsidentin und Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Altötting-Mühldorf seit vielen Jahren intensiv für die Wirtschaft vor Ort. 

In Rosenheim entsteht gerade eine neue regionale Onlineplattform: Die Stadt wurde vor kurzem vom Bayerischen Wirtschaftsministerium für das Modellprojekt „Digitale Einkaufsstadt Bayern 2020“ ausgewählt. „Sichtbar zu werden, sich zu vernetzen, das hält unsere Betriebe jetzt und in Zukunft wettbewerbsfähig – und damit unsere Stadt selbst“, freut sich Rosenheims 2. Bürgermeister Daniel Artmann (CSU). Die Onlineplattform soll das fördern. Sie wird die Einwohner und Besucher über das städtische Leben und die Wirtschaft informieren, die Unternehmen untereinander und mit der Zivilgesellschaft verlinken, sie in Rosenheim und darüber hinaus präsentieren. „Wir erhoffen uns davon, dass die regionalen Player über die Plattform weiter zusammenwachsen, miteinander lernen sowie wirtschaften und dass so die Stadt insgesamt wächst und weiterkommt. Dies wollen wir auch mit Workshops unterstützen“, so Artmann. Judith Gebhart de Ginsberg, Rosenheims Stadtmarketing-Chefin, betont: „Insbesondere ihre Onlinepräsenz hat viele Unternehmen in der Corona-krise resilienter gemacht. Wir sehen in unserer Plattform und der damit verbundenen digitalen Vernetzung daher auch eine Chance, der Transformation der Städte insgesamt – und auch unserer Stadt – besser und resilienter zu begegnen.“
Doch nicht nur für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit, auch für mehr Nachhaltigkeit seien Regionen ein guter Ausgangspunkt, ergänzt Philippe Ludwig (37), Leiter des Fachbereichs Chancengleichheit und Wirtschaft des Landkreises München: „Nachhaltigkeit ist wichtiger denn je – für Umwelt, Gesellschaft und die Betriebe. Mit ihrem teils ehrenamtlichen Engagement für den Klima- und Umweltschutz, Sportvereine oder Kultur fördern Firmen ohnehin schon lange die Nachhaltigkeit.“ 

Der Landkreis München hat mit der Wirtschaft nun eine regionale CSR (Corporate Social Responsibility)-Initiative ins Leben gerufen, um solche nachhaltigen Ansätze bewusster zu machen und zu verstärken. Die Unternehmen sollen sich austauschen, voneinander lernen, sich motivieren. „Als Initiative vernetzen, beraten, befähigen wir: Im besten Fall lassen sich nach und nach viele Mitglieder nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex, kurz DNK, zertifizieren“, nennt Ludwig das Ziel. Wichtig sei auch, die regionalen Nachhaltigkeitskonzepte auf die internationale Zusammenarbeit zu übertragen. So profitiere zunächst die Region, dann die Partner in aller Welt. Und nicht zuletzt gelte: „Wer sich über ein Thema wie Nachhaltigkeit verbunden fühlt, kommt auch geschäftlich leichter ins Gespräch.“ 


Sichtbarer werden, Aufträge generieren
Wie regionale Netzwerke und Initiativen ganz konkret einzelne Unternehmen voranbringen können, hat Beatrice Amberg (58), Chefin der Agentur iosoft-websolutions, erlebt. Sie kehrte vor einigen Jahren in ihre Heimatstadt Schongau zurück und begann, sich in der Aktionsgemeinschaft „Schongau belebt“ zu engagieren. „Der Verein will die Stadt lebendiger und lebenswerter machen – das sprach mich an.“ Über „Schongau belebt“ erhielt sie Kontakt zur Werbegemeinschaft Altstadt-Schongau. Ihr Engagement führte zu mehr Vernetzung, sie lernte weitere Firmen aus der Region kennen, daraus entstanden neue Aufträge. „Ich hatte bis dahin vor allem überregionales Geschäft, mein Ehrenamt machte mich als Unternehmerin auch in der Region sichtbarer“, erzählt Amberg. Umgekehrt halfen die von ihr designten Websites ihren Kunden. Sie konnten schneller auf Webshops oder Onlinekurse umstellen, erhielten überregionale Anfragen und konnten die Krise so abmildern. Und auch ihr ursprünglicher Gedanke, die Stadt lebenswerter zu machen, kommt durch die Vernetzung besser voran: Gemeinsam mit ihren Mitstreitern sorgt Amberg für öffentliche Bücherschränke, Herbst- und Weihnachtsaktionen sowie Second-Hand-Flohmärkte.


Nachhaltiger netzwerken, geschäftlich profitieren
Johann Lecker (39), Geschäftsführer des Biohof Lecker in Laufen ist von vornherein mit einem regionalen Geschäftsmodell gestartet. Er kauft bei Biobauernhöfen der Umgebung saisonale Produkte ein, stellt sie zu Öko-Kisten zusammen und beliefert damit Kunden im Umkreis von 50 Kilometern. „Neben dem Biozertifikat der Waren braucht es noch mehr, um ein glaubwürdiger Biohändler zu sein: Ich muss – und ich will auch – rundum nachhaltig agieren“, sagt er. „Die regionale Nähe ist dafür eine wichtige Voraussetzung: Ich habe kürzere Wege, spare damit Energie, weiß, dass bei meinen Lieferanten gute Arbeitsbedingungen herrschen.“ Jedoch will Lecker auch über sein eigenes Unternehmen hinaus einen Nachhaltigkeitsbeitrag leisten. Er folgte auch hier seiner regionalen Überzeugung und trat dem regionalen Unternehmensnetzwerk „Verantwortungsvoll Wirtschaften“ des Berchtesgadener Lands bei, das jüngst mit dem Preis „Projekt Nachhaltigkeit“ des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung ausgezeichnet wurde. „Wir vereinbaren gemeinsame Nachhaltigkeitsziele, das stärkt die Nachhaltigkeit in der Region, regt aber auch über die Region hinaus zur Nachahmung an.“ Er ergänzt: „Und mehr und mehr kommen wir Netzwerkmitglieder auch miteinander ins Geschäft.“

IHK-Zeitung Ausgabe 04/2020

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