Standortpolitik | Unternehmen

Der Wandel bleibt in der Familie

Kerstin Keysers ©
Unternehmerinnen mit Mut und Herzblut – die Schwestern Margot und Eva Kanzler (v. l.)

FIRMENPORTRÄT: Leder, Hopfen, Nudeln, Mode – seit 1796 sind die Kanzlers als Unternehmer in Pfaffenhofen an der Ilm daheim.

„Man kennt uns.“ Für ein Unternehmen, das 225 Jahre am Markt ist, mag eine solche Aussage selbstverständlich klingen. Allerdings ist hier nicht die Rede von einem Weltkonzern oder einer Spezialfirma. Es ist ein Familienunternehmen, welches nie über seinen Standort hinaus expandiert oder exportiert hat, das dieses Jubiläum feiert. Aber eines, das es verstanden hat, Generationen über Generationen im heimatlichen Pfaffenhofen an der Ilm als Kunden zu gewinnen und zu behalten – gerade im Einzelhandel keine Selbstverständlichkeit, wo es von den Malls über die Einkaufszentren auf der grünen Wiese bis zum Onlinehandel in jüngster Zeit massive Umwälzungen gegeben hat.
„Man kennt uns“, sagt Eva Kanzler (48), Inhaberin des gleichnamigen Modehauses in der Kreisstadt, und fügt gleich hinzu, dass dies nur zum Teil das eigene Verdienst sei. Da ist die Leistung der Vorfahren: eine ganze Gilde von unternehmerisch denkenden Menschen, die Chancen ergriffen haben, wenn sich ihnen solche boten. 1796 eröffnet der Rotgerber Lorenz Kanzler die Reihe, Nachfahr Ludwig steigt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Nebenerwerb auch in den Hopfenanbau und -handel ein, erwirbt 1924 eine Teigwarenproduktion – „Nudeln beim Kanzler“ sind im kollektiven kulinarischen Gedächtnis von Pfaffenhofen bis heute verankert. Großmutter Maria dann, Verkäuferin und Witwe mit vier Kindern, erwirbt 1945 eine Textillizenz und legt den Grundstein für das, was Kanzler heute ist. Mit großem Respekt begegnet Eva Kanzler diesen Leistungen und nimmt sie als Ansporn, bei Krisen dagegenzuhalten.
Was ihr dabei hilft, ist die ausgeprägte Standortqualität. Nicht nur die des eigenen Hauses mitten im Zentrum: „Die Lage ist bestens, Pfaffenhofen ist eine gute Einkaufsstadt, hat sich mit der Landesgartenschau vor zwei Jahren bekannt gemacht“, sagt die Unternehmerin. „Außerdem haben wir rund um uns herum ein intaktes Umfeld mit attraktiven Angeboten für die Kundschaft. Das trägt alles zu unserem Erfolg bei.“ Dann fügt sie noch mit Blick auf die Folgen der Coronakrise hinzu: „Die großen Innenstädte leiden da mehr als wir.“ 
Das Problem mit dem „im Laden schauen, im Internet kaufen“ zum Beispiel, sei noch überschaubar. Hosen, so Mode-Fachfrau Kanzler, würden bisher immer überwiegend stationär gekauft. „Da braucht es die Expertise bei Auswahl und Beratung, die wir haben.“ So entsteht jene entspannte Atmosphäre im Geschäft in der Kundinnen gern ihre Kaufentscheidungen fällen. Ja, mittlerweile ausschließlich Kundinnen. Während das Modehaus früher beide Geschlechter bediente, hat sich die Familie – seit 2004 ist auch Schwester Margot (60) an Bord – mit dem Neubau 2015 für die Spezialisierung entschieden. Wobei man bei Kanzler auch ein Herz für Herren hat, die ihre Partnerinnen zum Einkauf begleiten: Täglich steht ihnen die hauseigene Bar offen, um die Wartezeit zu verkürzen, samstags gibt’s auch Frühstück dazu. 
Trotz aller positiven Umstände sei der Einzelhandel kein Selbstläufer, sagt Eva Kanzler. Ob es die Mühe wert sei? Sie lacht. „Jetzt, wo es fehlt, merken es die Kunden und merken es wir, wie wertvoll unsere Präsenz und unsere Arbeit sind.“ Gleichwohl hat sie sich die Bereitschaft bewahrt, offen für den weiteren Wandel zu sein. Sie wirkt optimistisch, dass ihr Unternehmen auch die Coronakrise überstehen wird. „Fragen Sie mich nicht, wie wir unser 250. Jubiläum feiern. Aber dass wir es feiern werden, daran zweifle ich nicht.“


IHK-Zeitung Ausgabe 01/2021

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