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„Das Beste kommt noch”

Goran Gajanin/daskraftbild.com ©
IHK-Präsident Eberhard Sasse im IHK-Stammhaus

ABSCHIEDSINTERVIEW: Eberhard Sasse beendet nach knapp acht Jahren seine Amtszeit als ehrenamtlicher 
Präsident der IHK und zieht Bilanz. Ein Gespräch über Unternehmertum, Politik und die Kraft der Zuversicht.

Herr Sasse, ganz spontan: Wie war Ihre Amtszeit als IHK-Präsident? 
Es war eine phantastische Zeit, für die ich dankbar bin. 

Sie werden nun Teil der IHK-Ahnengalerie im IHK-Stammgebäude. Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihre Vorgänger blicken?
Respekt und Bewunderung. Da schaue ich auf knapp 180 Jahre Wirtschaftsgeschichte, da lese ich große Namen. Gleich, ob Maffei als Gründungspräsident oder Rodenstock, Soltmann, Hipp oder Greipl als unmittelbare Vorgänger – das waren große Vorbilder, sie alle haben Bayerns Wirtschaft geprägt. Diese Erfahrungen und diese Tradition sind die Nährstoffe, die bis heute die IHK gedeihen lassen. Das gibt uns die Kraft, mit unseren Mitgliedern jetzt das Neuland zu betreten, das uns nach der Pandemie erwartet.

In Ihren jungen Unternehmerjahren waren Sie eher IHK-skeptisch. Was hat Sie zum Umdenken veranlasst?
Das stimmt, die Idee einer IHK als öffentlich-rechtliche Körperschaft war mir fremd. Aber wie Konrad Adenauer kann auch mich „niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden“. Im Gespräch mit dem damaligen IHK-Präsidenten Dieter Soltmann ist mir klar geworden: Wir Unternehmer führen einen ewigen Kampf gegen zu viel Bürokratie und zu hohe Steuern. Und genau dafür ist die IHK eine hochwirksame Plattform. Mit Überzeugung kann ich heute sagen: Er und andere Unternehmer, die mir Beispiel waren, hatten recht. 

Was hat Sie motiviert, ein IHK-Ehrenamt zu übernehmen? 
Auch meine Erfahrungen als Unternehmer. Ich bin Anfang der 1970er-Jahre als Student nach München gekommen. Ich habe hier promoviert und mich mit einer kleinen Gebäudereinigung selbstständig gemacht, die dann schnell gewachsen ist. Das war möglich, weil ich hier Gründerbiotop und ideale Rahmenbedingungen vorgefunden habe. Es war für mich eine unternehmerische Entscheidung, im Gegenzug einen Teil meiner Zeit und meiner Fähigkeiten der IHK zu geben. Daran mitzuarbeiten, dass sie allen Unternehmern diese Rahmenbedingungen erhalten kann. 

Haben sich diese Rahmenbedingungen verschlechtert?
Als Unternehmer spüre ich heute Hürden und Widerstände, die ich damals so nicht kannte. Das ist ein gefährlicher Prozess, weil er sich fast unmerklich und schleichend vollzieht. Jedes Jahr greifen die Bremsbacken ein bisschen mehr – der Prozess hat sich verselbstständigt. Das ist eine Form der Automatisierung, der ich als Unternehmer nichts abgewinnen kann. Darin sehe ich die große Aufgabe der IHK: Wir müssen diese Bremsen lockern und alles dafür tun, das Unternehmertum zu fördern.  

Wollen das nicht auch Politik und Wirtschaftsverbände?
Der große Unterschied ist aber: Nur in der IHK ist die Gesamtheit der gewerblichen Unternehmer präsent – vom Soloselbstständigen im Nebenerwerb bis zum globalen Konzern. Deshalb ist die IHK so eine phantastische Sache. Sie ist wirklich die Interessenvertretung der regionalen Wirtschaft in der ganzen Breite. 

Offensichtlich baut auch die Bayerische Staatsregierung auf die IHK. Sie hat diese mit der Antragsbearbeitung für die Coronahilfen beauftragt.
Ja, wir haben sofort zugesagt und dieses Vertrauen nicht enttäuscht. Bayern ist dank der IHK bundesweit Spitze bei der Auszahlung der Überbrückungshilfen. Dafür haben sich Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister 
Hubert Aiwanger bei uns ausdrücklich bedankt. Auf diese Leistung all unserer Mitarbeiter bin ich richtig stolz, weil wir so über 200 000 bayerischen Firmen in einer Notlage unmittelbar helfen konnten. 

Hatten Sie Zweifel, ob die IHK das stemmen kann? 
Wir wussten wir können das, weil wir schneller reagieren können als Behörden und wir super-engagierte Mitarbeiter haben. Zeit verspielt wurde aber in Berlin – mit Streit über Förderkriterien und Verspätungen für die Lieferung der Antragssoftware. Sobald diese Bremsen auf Bundesebene gelöst waren, konnte die IHK als Bewilligungsstelle für ganz Bayern richtig Gas gegeben. Die IHK hat dafür gesorgt, dass bisher fast fünf Milliarden Euro (Stand Mitte Mai, die Red.) an Selbstständige, Unternehmen und Einrichtungen im Freistaat geflossen sind. Das halte ich für eine großartige Zahl. 

Welche neue Erkenntnis haben Sie in Ihrem Amt gewonnen?
Wie wichtig ein schlagkräftiges Hauptamt für die IHK ist. Da bedanke ich mich bei meinen Wegbegleitern, dem IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl und seinem Vorgänger Peter Driessen. Die Namen stehen für das gesamte IHK-Team, das die Selbstorganisation der Wirtschaft erst möglich macht. 

Welche Eigenschaften sollte ein IHK-Präsident haben?
Jeder IHK-Präsident hat ein anderes Profil. Mein Ziel war, Unternehmertum sichtbar zu machen. Deshalb habe ich versucht, als Präsident sehr präsent zu sein bei den Mitgliedern. Bei den Meilensteinen im Leben ihrer Mitarbeiter genauso wie bei den Firmen selbst. Mir hat das Gespräch mit gesellschaftlichen Gruppen viel gegolten, ebenso wie persönliche Gespräche mit Medien und der Politik. 

Sie haben die IHK lockerer gemacht. Sie twittern, treten auch ohne Krawatte auf. 
Ich wollte weg von einem präsidialen Stil und die IHK öffnen, sie nahbarer machen. Ich habe das Präsidentenzimmer im IHK-Stammhaus abgeschafft. Meinen Arbeitsraum teile ich mir jetzt mit dem Hauptgeschäftsführer. Die Zeit der One-Man-Shows ist vorbei. Wenn man die Interessen der bayerischen Wirtschaft vertreten will, geht das nur als Teamspieler. 

Sie haben darauf gedrängt, das Gespräch mit Influencern wie Rezo und der Klimaschutzbewegung Fridays for Future zu suchen. Gibt es schon Ergebnisse?
Da gibt es erste Gespräche, aber da stehen wir noch am Anfang. Aber bei meiner Einschätzung bleibe ich: Wenn wir unsere Anliegen weiterbringen wollen, dürfen wir keine Denkweise von vornherein ausschließen, auch wenn sie uns nicht behagt. Es bringt nichts, sich immer nur im Echoraum der Gleichgesinnten zu bestätigen. 

Wie sind Ihre Erfahrungen im Gespräch mit der Politik? Hat man Ihnen zugehört?
Ich habe während meiner Amtszeit nur Politiker erlebt, die zuhören, die analysieren und die Anregungen aufgegriffen haben, wie sich für Unternehmer gute Rahmenbedingungen schaffen lassen. Das gilt für alle Parteien. 

Zu welchen Erfolgen hat dieser gute Kontakt geführt?
Exemplarisch sehe ich die Reform der Erbschaftsteuer. In Berlin stand ein Gesetz kurz vor der Verabschiedung, das für Familienunternehmen ein großes Risiko bedeutet hätte. Wir hatten an einem Sonntagnachmittag wenige Tage vorher die Chance, unsere Bedenken dem Ministerpräsidenten und den Kabinettsmitgliedern vorzutragen. Gemeinsam ist es uns gelungen, das Gesetz zu entschärfen. Heute haben wir eine Regelung, mit der die Wirtschaft größtenteils leben kann. An solche Erfolge wollen wir weiter anknüpfen.

Worin sehen Sie die wichtigste IHK-Aufgabe im Schicksalsjahr 2021?
Wir müssen Zuversicht und Mut zeigen. Corona ist da, die Krise ist da. Aber das ist endlich. Nur über Angst und Gefahren zu reden, das hilft uns ebenso wenig wie der Blick in den Rückspiegel, das Gejammer über das, was alles schiefgelaufen ist. Besser wir orientieren uns, wie beim Navi im Auto, an dem, worauf wir zusteuern, wo wir ankommen wollen. Das Beste kommt noch – die Botschaft müssen wir unseren Mitgliedern vermitteln.

Wie sähe denn Ihre Agenda für die Zukunft aus? 
Die Krise hat auch Positives. Sie ist ein Wendepunkt. Heute wissen alle, was wir tun müssen: die Wirtschaft zum Laufen bringen, alle Lebensbereiche digitalisieren, Bürokratie abbauen, unser Land nachhaltig gestalten. 

Schaffen wir das? 
Die Krise hat doch gezeigt, was möglich ist. Über Nacht war das halbe Land im Homeoffice. Ich habe die Bundesregierung oft kritisiert, aber plötzlich war sie zu disruptivem Handeln fähig. Soforthilfe, Schnellkredite, Stundung der Sozialversicherungsbeiträge und Kreditraten, Stabilisierungsfonds – ich war erstaunt, was alles ganz schnell ging. Dieses Momentum muss erhalten bleiben, die gezeigte Flexibilität nicht in Erstarrung zurückfallen. Wir sehen gerade, wie schädlich es ist, wenn plötzlich wieder die Bremsen greifen. 

Was wird nun aus Ihnen und der IHK?
Ich werde dieses Jahr 70. Anfang nächsten Jahres gebe ich meine Firmen an meine Töchter Laura und Clara ab. Das ist eine erfrischende Aussicht: Als Aufsichtsrat den Aufbruch meines Unternehmens in die Zukunft zu begleiten, etwas zu bewegen und zu verändern, solange man selbst noch gut drauf ist. In unserer Vollversammlung engagieren sich Unternehmerinnen und Unternehmer einer neuen, jungen Generation, die einen weiten Blick hat. Wir brechen auf in die Zukunft – und die IHK wird ganz sicher einer der großen gesellschaftlichen Treiber bleiben.

IHK-Zeitung Ausgabe 02/2021

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